Kinogänger

Der Kinogänger im Kino Zürich und sein Territoriumsdrang

 

Wenn die Abende wieder länger dauern, die Hosen kürzer werden und sich die ersten Open-Air-Kinosankündigen, dann kehrt der Mensch zu seinen ursprünglichen Verhaltensweisen zurück. Er entwickelt ein Benehmen, das bei genauerem Betrachten demjenigen der Tiere entspricht. Die Rede ist vom Markieren eines Territoriums, in dem er seine Beute fängt und seine Kinder grosszieht. Obwohl beim Sommerkino in der Marktgasse keine Tiere geschlachtet werden – es sei denn für Spiesse und Schnitzelbrot – und bis jetzt noch keine Geburten während einer Filmvorführung stattgefunden haben, ist dieses Markierverhalten heuer auffällig oft zu beobachten. Das zeigt am Freitag ein Augenschein am ersten Kinoabend in der Marktgasse.

 

Plätze reserviert» im Kino Zürich steht warnend in grossen schwarzen Lettern auf dem A4-Blatt, das an zwei Stühlen hängt. Die fünf Nachbarstühle rechts davon sind zwar nicht angeschrieben, die darauf platzierten Pullover raten jedoch davon ab, mit diesen Plätzen zu liebäugeln. Schlecht siehts auch auf der linken Seite der beiden angeschriebenen Stühle. Hier kennzeichnet ein Streifen Isolierband das Territorium eines Kinobesuchers. Zutritt verboten, hier sitzt ein Sommerkino-Fan. Wer um 20.30 Uhr einen Platz sucht, findet den zwar noch, grosse Gruppen jedoch müssen mit den ersten drei Rängen vorlieb nehmen. Es läuft ähnlich wie im Tierreich: Die Schlauen, Schnellen und Starken sichern sich das beste Revier, die Langsamen und Schwachen begnügen sich mit dem Rest.

Einen deutlichen Unterschied gibts jedoch. Die Starken jagen den Schwachen nichts ab. Statt Bullenkämpfe um diesen oder jenen Platz herrscht in der Marktgasse eine friedliche Atmosphäre: Hier eine kleine Gruppe am Diskutieren, dort ein schallendes Lachen aus einer Menschenansammlung. Im Kinobereich, also zwischen UBS-Gebäude und dem Choufhüsi, sieht es fast aus wie auf einem Dorfplatz im Mittelmeerraum. Und wer sich durch den Torbogen beim Choufhüsi bewegt, schlängelt sich an kleinen Bartischen mit fröhlichen Menschen vorbei, kann sich an einer langen Bar einen Drink gönnen oder einfach in die Nischen hocken und dem Treiben zu sehen.

Dass der Anlass in der Marktgasse wirklich gut ankommt, zeigt auch die Durchmischung des Publikums. Vom Schüler über den Unternehmer bis hin zum Rocker findet sich alles, was in und um Langenthal lebt. Alter, Beruf und Religion, vielleicht sogar die politische Ausrichtung, spielen an diesem Abend scheinbar keine Rolle. Laut Daniel Beyer vom Organisationskomitee des Sommerkinos tanzt am Auftaktsabend auch kaum jemand aus der Reihe, der Anlass verläuft ruhig.

Den Abendverkauf, der eine Abriegelung des Kino-Bereichs nicht möglich macht, nimmt das OK auf die leichte Schulter. «Wir sperren erst kurz nach ab 21 Uhr ab, damit die Käufer ohne Probleme durch die Marktgasse gehen können», erklärt Beyer. Dann müsste es jedoch unzählige Schwarzschauer im Publikum haben. Der «Traube»-Wirt winkt ab. «Ich vermute, dass es zwischen fünf und zehn sind, deswegen machen wir kein Büro auf.» Das Problem stelle sich sowieso nur am Freitag, an den anderen Tagen kann ab 19 Uhr abgesperrt werden. Wer sich danach im Kino-Bereich aufhält, wird gebeten, diesen zu verlassen oder er kann sich – was angesichts des «Territorium-dranges» wohl geschehen wird – sein Ticket bereits kaufen.

Auch der Ticketverkauf spricht für einen gelungenen Anlass. Von rund 720 Eintritten gingen über 600 weg. Beyer ist zufrieden, man merkt es an seiner Sprache. «Geil» sei es gelaufen. Nachdem man vor dieser Ausgabe des Sommerkinos so viel und so oft über das Open-Air- Kinoim Stadtzentrum gesprochen hat, fällt ihm jetzt wohl definitiv ein Stein vom Herzen.

In diesem Jahr sind die Stühle übrigens so früh wie noch nie reserviert worden. Das ist auch Daniel Beyer aufgefallen. «Die ersten Besucher kamen um sieben Uhr, also zweieinhalb Stunden vor Filmbeginn, und haben ihren Platz gekennzeichnet», berichtet er. Nun wäre es erfreulich, wenn es bei dieser Art der Reservation bleiben würde. Das «Markieren» eines bestimmten Bereiches, wie es mittels Urin bei den Tieren in der freien Wildbahn und beim Menschen an der Fasnacht üblich ist, muss nicht sein. Am Freitag hat der Grossteil der Kinobesucher brav die bereitgestellten WCs benutzt. Schön, wenn das auch so bleibt.

So gut wie voll Obwohl nicht ganz alle Plätze belegt waren, machte das Sommerkino einen ausverkauften Eindruck.